Warum Ihr Unternehmen Familienarbeitszeit selbst gestalten sollte

“Ich wünsche mir eine Arbeitskultur, in der Arbeitgeber auf die Bedürfnisse junger Familien flexibel reagieren”, sagte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig im Interview mit dem Tagesspiegel – und machte damit deutlich, wen sie in der Pflicht sieht: Für familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind vor allem die Unternehmen zuständig.

Die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende und Mutter eines Sohnes fordert also von Arbeitgebern, dass sie auf die Eltern mehr Rücksicht nehmen. Das würde sie auch gern gesetzlich verankern. Was würde das für Ihr Unternehmen bedeuten?


Reduzierung der Arbeitszeit


Familienarbeitszeit: Schwesigs Modell bleibt vorerst eine Vision

Familienarbeitszeit nennt Schwesig ihre Vision: Junge Mütter und Väter sollen bei diesem Modell statt 40 Stunden nur noch 32 Stunden pro Woche arbeiten können.

Die Reduzierung der Arbeitszeit soll sich dabei nicht negativ auf das Gehalt auswirken – der Staat unterstützt die Familien finanziell und ein Gesetz soll garantieren, dass Eltern wieder in eine Vollzeitstelle zurückkehren können. Soweit die Theorie.

In den nächsten vier Jahren müssen Sie sich voraussichtlich noch nicht darauf einstellen, Schwesigs Plan bleibt vorerst eine Vision. Denn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lehnte ihren Vorschlag zur Familienarbeitszeit ab und will weiter am ElterngeldPlus festhalten.

Möglich wäre Schwesigs Modell der Familienarbeitszeit schon, allerdings würde es den Staat weitere Steuergelder kosten. 140 Millionen Euro pro Jahr sind laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung für den Lohnzuschuss nötig.

Mehr Akzeptanz für Väter

Da das Familienarbeitszeitmodell die Reduzierung der Arbeitszeit auch für Väter vorsieht, braucht es zuerst mehr Akzeptanz bei den Unternehmen selbst.

Sicher ist es inzwischen weitaus üblicher, dass sich auch Väter um den Nachwuchs kümmern. Meist sind das nur zwei Monate – die sogenannte Partnerzeit. Doch viele Unternehmen tun sich noch immer sehr schwer damit, wenn ihre männlichen Mitarbeiter sich eine Auszeit für den Nachwuchs nehmen.

Das Portal vaeter-zeit.de berichtet etwa von Fällen, in denen Väter die Kündigung erhielten oder aufs Karriere-Abstellgleis geschoben wurden, weil sie Elternzeit beantragten.

Natürlich würde ein Familienarbeitszeit-Modell mit einer Reduzierung der Arbeitszeit von 40 auf 32 Stunden eine bessere Personalplanung erfordern – denn die übrigen Arbeitsstunden muss ein anderer Mitarbeiter leisten.

Dieser erhöhte Aufwand für die Organisation würde besonders kleine und mittlere Unternehmen belasten: Bei nur wenigen Mitarbeitern können sie die Reduzierung der Arbeitszeit um acht Wochenarbeitsstunden in manchen Fällen nicht so einfach ausgleichen.

Für Unternehmen sind gesetzliche Regelungen zu starr

Genau deshalb sehen viele Unternehmer die Familienarbeitszeit kritisch. Gesetzliche Regelungen greifen nach Ansicht vieler Firmenvertreter zu stark in die unternehmerische Freiheit ein, mitunter können sie sogar kontraproduktiv sein.

Worauf es den Unternehmern vor allem ankommt, hat der Radiosender MDR Info beispielhaft zusammengetragen:

  • Für Hartmut Bunsen entscheidet letztendlich der Markt, gesetzliche Festlegungen zur Reduzierung der Arbeitszeit sind dem Inhaber der Messeprojekt GmbH dagegen zu starr. Die Forderungen von Ministerin Schwesig sind in seiner Leipziger Firma schon Realität. Denn jungen Eltern kommt der Familienunternehmer mit flexiblen Arbeitszeiten entgegen und lässt sie wieder Vollzeit in den Beruf einsteigen. Schließlich ist Familienfreundlichkeit in Zeiten von Fachkräftemangel ein Plus und macht eine Firma als Arbeitgeber attraktiv.

  • Ein “familienfreundlicher Arbeitgeber” ist auch die Get AG aus Leipzig – sogar zertifiziert durch das gleichnamige Qualitätssiegel der Bertelsmann Stiftung. Bei dem Informationsdienstleister finden Eltern attraktive Arbeitsbedingungen vor – von Teilzeitregelungen über Homeoffice bis hin zu den Zuschüssen für die Kinderbetreuung. Statt einer gesetzlichen Reduzierung der Arbeitszeit wünscht sich das Unternehmen steuerliche Vergünstigungen für familienfreundliche Maßnahmen, erklärt Sprecher Matthias von Maltzahn.

Das macht deutlich, warum ein individueller Gestaltungsspielraum für Arbeitgeber enorm wichtig ist.

Tatsächlich suchen viele Personalverantwortliche mit Ihren Mitarbeitern schon nach konstruktiven Lösungen, je nach der vorherrschenden Unternehmenskultur klappt es besser oder schlechter.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bestätigt deutschen Unternehmen Familienfreundlichkeit: “Acht von zehn Unternehmen bieten bereits flexible Arbeitszeiten an, jedes dritte unterstützt bei der Betreuung. Zusätzliche gesetzliche Ansprüche verhindern hingegen eher passende Lösungen in den Unternehmen”, sagte Hauptgeschäftsführer Achim Dercks in der Passauer Neuen Presse.

Reduzierung der Arbeitszeit schon Praxis in vielen Firmen: Was Sie noch tun können

Enorm viele Arbeitgeber stellen sich demnach schon auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter mit Familie ein.

Wie familienfreundlich ist Ihr Unternehmen und wie können Sie die Bedingungen für junge Väter und Mütter noch weiter verbessern? Diese Fragen stellen Sie sich sicher häufiger.

Denn nur mit flexiblen Angeboten binden Sie heute qualifizierte Mütter und Väter an Ihr Unternehmen. Gleichzeitig stärken Sie damit Ihre Arbeitgebermarke: Für Ihr Employer Branding wird Familienfreundlichkeit also immer wichtiger.

Möchten Sie Ihre familienbewusste Personalpolitik nach außen zeigen, können Sie etwa das Siegel “Familienfreundlicher Arbeitgeber” der Bertelsmann Stiftung nutzen. Viele kleine und große Firmen haben dieses Zertifikat bekommen, weil sie etwas für junge Eltern tun.

Ihr Unternehmen muss dazu ein drei- bis viermonatiges Prüfverfahren durchlaufen und in diesem Zeitraum selbst Fragen beantworten und Ihre Mitarbeiter befragen lassen. Außerdem machen sich Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung vor Ort ein Bild von Ihrem Unternehmen.

So funktioniert Familienfreundlichkeit: 3 Beispiele

  • Wie die Firma Groschek Immobilien aus Rheine zeigt, kann Ihr Betrieb auch mit weniger als zehn Mitarbeitern einiges für Familien tun. Das Bauträgerunternehmen hat die Arbeitszeiten seiner Mitarbeiter angepasst und finanziert die Betreuungsplätze für deren Nachwuchs.

  • Auch bei der Globetrotter Ausrüstung GmbH können junge Eltern eine Reduzierung der Arbeitszeit beantragen. Mehr als die Hälfte der Angestellten arbeitet in Teilzeit, außerdem bietet der Outdoor-Spezialist in Frankfurt Geburtsbeihilfen und Beratungen an.

  • Selbst in einer größeren Firma können Sie individuelle Lösungen finden. Die GAD eG in Münster ist bestes Beispiel dafür: Der Dienstleister für Banken-IT ermöglicht seinen rund 1.800 Mitarbeitern verschiedene Teilzeitmodelle und die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten.

So wie diese Unternehmen schaffen viele Arbeitgeber in Deutschland familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Immer mehr kleine und mittelständische Firmen stellen etwa mit betriebseigenen Kindergärten sicher, dass der Mitarbeiter-Nachwuchs gut betreut wird.

Familienfreundliche Arbeitgeber im Trend

Wie gut Beruf und Familie in Deutschland vereinbar sind, lässt sich nicht pauschal sagen.

Im Einzelfall sollten Sie sich fragen:

  • Liegt es an fehlenden Angeboten, dass eine Mutter nicht wieder in ihren Job einsteigen kann?

  • Oder möchte sie mit Familie einfach weniger oder gar nicht arbeiten?

Eine aktuelle Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH belegt, dass nur wenige Mütter wieder ganz oder teilweise aus der Elternzeit zurückkehren.

Deshalb ist es für Sie schwer einzuschätzen, ob Ihre weiblichen Fachkräfte wieder in den vorherigen Job einsteigen. Eine Reduzierung der Arbeitszeit scheint nicht für alle Frauen die Lösung zu sein. Klassische Rollenbilder - der Mann als Hauptverdiener und die Frau als “Familien-Managerin” – sind teilweise noch stark in der Gesellschaft verankert.

Wie lange Frauen ihre Kinder zu Hause betreuen oder ob sie sich die Elternzeit mit ihrem Partner teilen, ist also sehr unterschiedlich.

So individuell, wie das jede Familie für sich entscheidet, sollten auch Ihre Angebote zur Familienarbeitszeit sein.

Eines steht jedoch fest: Wollen Sie als Arbeitgeber für Fachkräfte attraktiv bleiben, müssen Sie für junge Mütter und Väter passende Lösungen anbieten.

Um diese gemeinsam zu finden und umzusetzen ist miteinander reden noch immer das Beste.





Bildnachweis:
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